Swissmotor Folgeserie
"Fahrzeuge der Schweizer Armee"

Saurer 6 DM und 10 DM

Markus Hofmann / Ruedi Baumann

1903 verliess der erste Lastwagen die Saurer Werke in Arbon. Eine gute Gelegenheit hundert Jahre darauf über den letzten Saurer Lastwagen zu berichten.

Die neue Militärfahrzeuggeneration von Saurer, nach M4, M6, M8, dann 2 CM und 4 CM und 2 DM, war als vierte Geländefahrzeuggeneration speziell für die Schweizer Armee entwickelt worden. Bereits 1978 lieferte Saurer vier Prototypen an die GRD (Gruppe für Rüstungsdienste). Nach eingehender Erprobung und Vergleichen mit ausländischen Fahrzeugen (sic!) erhielt Saurer den Zuschlag zur Lieferung einer Serie von 1200 Fahrzeugen. Die Saurer 6 DM und 10 DM haben den Bedürfnissen der Armee am besten entsprochen. Der Entscheid für die Auftragsvergabe erfolgte im Eidgenössischen Parlament aber nicht zuletzt aus politischen Gründen zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Saurer. Bekanntlich musste Saurer dann 1982 die Produktion von zivilen Lastwagen einstellen und wurde von Daimler-Benz übernommen. Die Gründung der „Nachfolgefirma“ NAW (Nutzfahrzeuge Arbon&Wetzikon) erfolgte per 1. April 1983. Die 6 DM und 10 DM waren somit die letzten Saurer- Lastwagen, die das Werk in Arbon verliessen.

Die militärische Bezeichnung lautet Lastw 6 t gl 4x4 für den 6 DM und Lastw 10 t gl 6x6 für den 10 DM. Die Typenbezeichnungen beziehen sich auf die Nutzlast von 6 t resp. 10 t. Beschrieben wird er auch als „halbautomatischer Frontlenker mit geschlossener Kippkabine und Ladebrücke mit verstellbarem Blachenverdeck“. Das Fahrgestell besteht aus einem Leiterrahmen (U-Profil-Rahmen mit eingeschraubten Rohr-Quertraversen), Saurer-Achsen mit sperrbarem Kegelrad-Differential und Aussenplanetenantrieb. Als Antriebsquelle wird der 1978 von Saurer vorgestellte D4KT Motor verwendet, bezeichnet als D4KT-M mit einer Leistung von 250 PS für den 6 DM und 320 PS für den 10 DM. Obwohl von unterschiedlicher Leistung, sind die beiden Motoren – bis auf die Einspritzpumpen - praktisch baugleich.

Die Kraftübertragung erfolgt über Drehmomentwandler mit automatischer Überbrückungskupplung (ZF WSK 400) auf das FBW Planetengetriebe PG 10. Anschliessend über ein ZF-Verteilergetriebe an die Achsen. Die Gangschaltung beim Hauptgetriebe erfolgt elektro-pneumatisch per kleinem Handschalthebel (5 Stufen), die Zuschaltung der Schnellganggruppe ebenfalls elektro-pneumatisch über einen Druckknopf. Die gelbe Kontrolllampe (Hase) am Armaturenbrett leuchtet auf wenn der Schnellgang eingeschaltet ist. Die Bremsanlage ist eine reine Zweikreis-Druckluftbremse, Federspeicher als Handbremse, Retarder mit 1. Stufe nur Motorbremse (Auspuff-Staudruckbremse) und Stufen 2 bis 6 Motorbremse plus Retarder.
Die Fahrzeuge verfügen über permanenten Allradantrieb. Die Kraftübertragung erfolgt zu 23% auf die Vorderachse und zu 77% auf die Hinterachse(n).

Praxis

BPZ/ Die 6 und 10 DM waren und sind bezüglich Bedienungskomfort ihrer Zeit weit voraus. Typisch Saurer eben. Man erinnere sich nur an die druckluftunterstützte Schaltung der 2DM, oder die noch viel früheren, vorwählbaren, druckluftgeschalteten Halbgänge. Oder gar die für den zivilen Markt gebauten Lastwagen (sowie PTT-Autobusse) mit Unterflurmotor und elektropneumatischem Vorwählgetriebe.

Obwohl die 6 und 10DM kein Kupplungspedal aufweisen, sind es keine „Automaten“. Ähnlich wie die obgenannten Unterflurmodelle sind auch die Armeelastwagen keineswegs idiotensicher. Das „saubere“ Schalten mit dem Halbautomaten will sogar regelrecht gelernt sein. Für die auf der Pritsche transportierte Mannschaft ist schon nach wenigen Metern Fahrt ersichtlich, ob man es mit einem Könner am Lenkrad – oder einen Nichtkönner zu tun hat. Das ruckfreie Schalten erfordert ein gutes Musikgehör für Motordrehzahl und Ablauf der Schaltvorgänge. Plus einen gefühlvollen Gasfuss. Die Gangschaltung erlaubt das Überspringen einzelner Schaltstufen. Oder das gleichzeitige Schalten von Haupt- und Halbgängen. Das stellt jedoch an den Fahrer ein hohes Gefühl für den zeitlichen Ablauf des jeweiligen Schaltvorganges voraus, soll die Fahrt ruck- und zuckfrei erfolgen.

Im Prinzip – was leider in den wenigsten Fällen zutraf – erlernte man das „perfekte“ Fahren nur mit einem guten Instruktor auf dem Beifahrersitz. Also nicht, wie das sonst vielfach üblich ist, mit blossem Hintereinanderherfahren. Das halbautomatische Getriebe erlaubt indessen auch ein Anfahren aus dem Stillstand in den oberen Gängen. Das sollte aber nicht zu oft praktiziert werden, weil das Getriebe sonst Schaden nimmt. Die Kombi-Motorbremse spricht schnell an und ist äusserst wirkungsvoll - bei kritischen Strassenverhältnissen sogar gefährlich wirkungsvoll. Schon so mancher 6 und 10DM landete wegen der energisch zupackenden Motorbremse in der Geografie…

Die Geländeeigenschaften der beiden Saurer-Typen sind sensationell. Perfekte Böschungswinkel, riesige Räder, Diffsperren, optimale Verschränkung – und dank des halbautomatischen Wandlergetriebes feinste Dosierung der Antriebskraft sind Attribute, die den geistigen Vätern der 6 und 10DM noch heute absolute Bestnoten verleihen. Lediglich die enorme Breite und die grossen Soloräder setzen dem Saurer auf engen Gebirgssträsschen oder nachgiebigem Untergrund Grenzen. Die Übersicht ist hervorragend – nur das Tarnnetz zwischen Kabine und Aufbau trübt, sofern es nicht sauber eingerollt ist, die Sicht im Rückspiegel.
Man darf sich indessen ernsthaft fragen, warum ausgerechnet für eine Milizarmee ein bezüglich Bedienung dermassen komfortables, aber aufwendiges Fahrzeug beschafft wurde. Ein Fahrzeug, mit welchem (gemeint ist die Gangschaltung) kein ziviler Lastwagenchauffeur ohne Spezialschulung zurande kommt.
 


Der Saurer 10 DM und sein Vorgänger, der legendäre 2 DM.



10 DM im Gelände auf dem Waffenplatz Wangen an der Aare


6 DM im Einsatz bei den Rettungstruppen mit Löpu (Löschwasserpumpe 83)


Im Einsatz bei einer Panzerdienstkompanie für Treibstoffnachschub


Fliegerleitsystem TAFLIR, montiert auf Saurer 10 DM


Sortiment Brandeinsatz, Zuteilung Rettungstruppen.

(Bilder Armeefotodienst, Sammlung Markus Hofmann)

Das Buch zur Serie